Zeitmanagement im Studium

Mach ich morgen

Du weißt genau: In zwei Wochen muss die Hausarbeit fertig sein, aber du gehst lieber mit deinen Freunden in die Berge oder shoppen? Für die meisten Studierenden ist Aufschieberei ganz normal. Doch Prokrastination kann auch krankhaft werden. An der Uni Münster gibt es für Betroffene eine Prokrastinationsambulanz. Dort arbeitet Psychologin Julia Haferkamp. Mit „Hey Uni“ hat sie über die Krankheit gesprochen und  Lern- und Motivationstipps verraten. 
 
Pratheek von Hey Uni macht gerade mit einem Kumpel eine eigene Bar auf. Aber zwischen Buchhaltung und Getränkebestellungen muss er eigentlich auch noch irgendwann für die Uni lernen. Bloß wann? Er hat fünf Tipps, wie man besonders effektiv durch den Tag kommt. 

 

 

Hey Uni: Frau Haferkamp, wie kann ich mir Ihre Arbeit in der Prokrastinationsambulanz vorstellen? Rufen bei Ihnen Leute an, die ihre Hausarbeit bis einen Tag vor Abgabe nicht angefangen haben und dann in Panik verfallen?

Julia Haferkamp: Bei uns melden sich viele Leute, die meistens schon über einen längeren Zeitraum, häufig über Jahre hinweg, Probleme mit dem Aufschieben berichten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch z.B. Studierende, die sich kurz vor einer Abgabefrist bei uns melden und sich Unterstützung erhoffen. Unsere Angebote sind allerdings darauf ausgelegt, grundsätzlich Strategien zu vermitteln, das Aufschieben dauerhaft zu reduzieren. Deshalb ist es ratsam, sich frühzeitig zu melden, kurzfristig vor einer Abgabefrist können wir nicht weiterhelfen.

 

Aufschieberei kennt ja eigentlich jeder aus dem Alltag. Was genau ist denn Prokrastination?

Prokrastination ist tiefgreifende Arbeitsstörung, genauer eine Störung der Selbststeuerung. Unter Prokrastination verstehen wir das wiederholte unnötige Aufschieben von wichtigen Tätigkeiten, obwohl eigentlich Zeit für deren Erledigung zur Verfügung gestanden hätte und obwohl man sich der negativen Folgen des Aufschiebens bewusst ist. Stattdessen erledigen Betroffene Ersatztätigkeiten, die in Relation angenehmer sind als die eigentliche Aufgabe oder unmittelbare Verstärkung ermöglichen – Putzen statt Lernen, zum Beispiel. Und das merken sie körperlich und psychisch.

 

Wie wirkt sich Prokrastination denn auf das Leben der Betroffenen aus?

Unsere Patienten leiden sehr unter der Prokrastination, weil sie merken, dass eine Diskrepanz besteht zwischen dem, was sie eigentlich tun möchten und dem, was sie tatsächlich tun. Für wichtige Vorhaben braucht man insgesamt viel mehr Zeit und darunter leidet dann häufig auch die Qualität der Leistung. Man erreicht persönliche Ziele nicht mehr. Es kann zu Konflikten mit wichtigen Bezugspersonen kommen. Häufig ist auch die eigene Selbstbewertung davon betroffen und es gehen negative Gefühle damit einher, die das psychische Wohlbefinden beeinträchtigen.

 

Wer leidet unter Prokrastination? Gibt es eine Risikogruppe?

Bei uns in der Ambulanz melden sich natürlich viele Studierende, weil wir an die Uni Münster angegliedert sind. Es melden sich aber ganz unterschiedliche Menschen, häufig zum Beispiel auch Selbstständige. Oft sind es Leute, bei denen ein hohes Maß an Selbstregulation gefordert wird – und das ist bei Studierenden und Selbstständigen sehr häufig der Fall.

 

Das Bachelor- und Mastersystem steht ja immer wieder in der Kritik. Hat das System Auswirkungen auf die Prokrastination?

Wir kennen keine Studie, die diesen Eindruck bestätigen könnte. In der Ambulanz können wir nichts dazu sagen, ob sich das Prokrastinationsverhalten der Studierenden grundlegend durch das Bachelor- und Mastersystem geändert hat. Was wir jedoch zunehmend bemerken ist, dass die Studierenden tendenziell früher zu uns kommen. Sie sind zum Teil jünger als vor ein paar Jahren und suchen häufiger direkt zu Beginn ihres Studiums Unterstützung. Studierende merken viel früher, dass der Druck sehr groß ist: Die Konsequenzen, das Studium beenden zu müssen, weil Prüfungsleistungen fehlen, tritt in vielen Studiengängen schneller ein.

 

Lieber schon während des Semesters alles lernen – oder doch kurz vor der Klausur schnell alles reinpauken, um es danach noch schneller wieder zu vergessen? Wir haben die Studenten in München nach ihren Lernstrategien gefragt.

 


 
Laut Ihrer Studie sagen nur 1,5 Prozent aller Studierenden, dass sie Aufschieberei von sich überhaupt nicht kennen. Wie viele Studierende leiden denn an chronischer Prokrastination und bei wie vielen würden Sie sagen: Das sind normale Alltagsaufschiebereien?

Das Phänomen „Aufschieben“ kennt denke ich fast jeder von sich, jeder schiebt mal Dinge auf. Wenn wir von pathologischem Aufschieben sprechen – also von der Prokrastination – dann haben unsere Untersuchungen ergeben, dass circa zehn Prozent der Studierenden unter diesem pathologischen Aufschieben leiden. Die deutliche Mehrheit kennt zwar Aufschieben von sich, es ist aber nicht in einem so deutlichen Ausmaß vorhanden, dass es als behandlungsbedürftig einzustufen ist.

 

Ab wann wird Prokrastination zum Problem und was sind die Symptome?

Die Betroffenen berichten von sich, dass sie stark unter ihrem Aufschiebeverhalten leiden, so dass sie z.B. sagen: „Ich erreiche meine persönlichen Ziele nicht mehr.“ Bei Studierenden vergrößert sich u.a. häufig die Studiendauer erheblich. Das führt oft zu negativen Gefühlen, Selbstabwertung und psychischen sowie körperlichen Beschwerden wie Muskelverspannungen, Magen- und Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, innerer Unruhe, Anspannung, Angst

 

Weiß man denn eigentlich, woher diese Prokrastination kommt?

Prokrastination kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Es kann zum Beispiel sein, dass die Person Schwierigkeiten hat, sich selbst zu regulieren und zu strukturieren. Die Hürde mit einer Aufgabe zu beginnen scheint sehr groß und löst eventuell großen Widerwillen und Abneigung aus. Auch Versagensängste können eine Rolle spielen, aber auch perfektionistische Ansprüche an die eigene Person. Betroffene denken zum Beispiel: „Wenn ich die Aufgabe nicht perfekt erfüllen kann, dann mache ich sie lieber gar nicht.“

 

Lernen ist an der Uni etwas anderes als in der Schule. Daran haben sich auch Pratheek und Fabi schnell gewöhnen müssen, erzählen die Beiden. Einfach ist das aber nicht immer.
 

 
Haben Studierende mit pathologischer Prokrastination auch ein erhöhtes Risiko für andere psychische Krankheiten?

Ja, das gibt es tatsächlich. Untersuchungen haben gezeigt, dass Studierende mit Prokrastination ein erhöhtes Risiko für Depression haben. Es gibt aber auch andere psychische Erkrankungen, die mit Prokrastination in Verbindung gebracht werden können. Zusammenhänge gibt es u.a. auch mit Prüfungsangst, Cannabismissbrauch oder mit einer Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Ein Zehntel der Betroffenen leidet zusätzlich unter einer ADHS.

 

Wie helfen Sie denn Leuten, die unter Prokrastination leiden?

Die Prokrastinationsambulanz bietet für die Studierenden der Universität Münster Gruppentrainings und Einzelberatungen an, mit dem Ziel, das Aufschiebeverhalten zu reduzieren. Teilnehmer lernen unter anderem  realistische Lernpläne zu erstellen und pünktlich mit dem Arbeiten zu beginnen.

 

Für alle, die mal wieder eine Arbeit vor sich herschieben, hat Julia Haferkamp die wichtigsten Lerntipps zusammengefasst:
 

 

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